Kuttenberg - ein Streifzug durch Böhmens Geschichte

Viele Städte Böhmens sind Stein gewordene Geschichte. Mittelalterliche Prosperität prägte sie ebenso wie die Verwüstungen in den Glaubenskriegen und die Jahre der Gegenreformation. Kuttenbergs Aufstieg fällt in die wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit des 13. und 14. Jahrhunderts, damals war es die zweitgrößte Stadt Böhmens. Die Geschichte der Stadt, die etwa 70 km östlich von Prag liegt, ist eng mit dem Silberbergbau verknüpft, der 1237 durch Bergleute aus Sachsen begann. Hier wurde der in ganz Europa als Zahlungsmittel anerkannte „Böhmische Groschen“ geprägt.

Nach dem Vorbild der Rechtsordnung der älteren deutschen Städte, wie der von Magdeburg, Nürnberg und Wien, erhielten in dieser Zeit viele der später großen und bedeutenden Städte das Stadtrecht, so Preßburg 1217, die Prager Altstadt 1230, Brünn 1243, Kuttenberg 1280 und Pilsen 1295. Wie auch im sächsischen Erzgebirge entstanden zu Beginn des 16. Jahrhunderts „Silberstädte“. Allen voran St. Joachimsthal, der Geburtsort der späteren Währungsbezeichnungen „Taler“, „Dollar“ und „Tolar“.

BarbarakircheKuttenberg ist nach Prag diejenige böhmische Stadt mit den meisten historischen Baudenkmälern. Gotisch sind die beiden wichtigsten Kirchen der Stadt, die St.-Jakobs-Kirche und die berühmte, der Schutzpatronin der Bergleute geweihte Barbarakirche. Dieses bekannteste Bauwerk der Stadt, eine fünfschiffige Kathedrale, wurde im 14. Jahrhundert von Peter Parler begonnen und erhielt 150 Jahre später das ungewöhnliche dreiteilige Zeltdach. Gotisch sind weiters das Steinerne Haus und das Kastell. Und auch die Altstadtgassen haben ihren mittelalterlichen Charakter bewahrt.

Im heutigen Museum wurde das „Kuttenberger Dekret“ unterzeichnet: 1409 stimmte König Wenzel IV. einer Änderung der Verfassung der Prager Karls-Universität zu, welche die nichttschechischen Studenten und Lehrkräfte stark benachteiligte. Da die Anhänger der Reformation unter Führung des Universitätsrektors Jan Hus nun im Senat die Mehrheit hatten, verließen rund 1000 deutsche Professoren und Studenten Prag und gründeten in Leipzig eine neue Forschungs- und Lehranstalt.

Der Welsche HofIm Welschen Hof, Ende des 13. Jahrhunderts errichtet, zeitweise Residenz der böhmischen Könige, befand sich 250 Jahre lang die Münzstätte, in der 1300 die ersten „Böhmischen Groschen“ geschlagen wurden. Seinen Namen erhielt er von den ersten, aus Italien in die Stadt gekommenen Münzprägern.

Der Abstieg der Bergbaustadt Kuttenberg begann im 16. Jahrhundert, als die Silbererzvorkommen weitgehend erschöpft waren. 1726 wurde die Münze endgültig geschlossen. Im Stil des Barock entstanden noch das Jesuitenkolleg, das Ursulinenkloster und die Kirche St. Johannes von Nepomuk.

Ein Bergbaumuseum mit mittelalterlichem Stollen erinnert an Kuttenbergs große Vergangenheit. Bei der Volkszählung 1880, als nur mehr Kupfer und Blei gewonnen wurden, hatte die Stadt 13.154 Einwohner. Damals gab es in Kuttenberg ein deutsches Realgymnasium mit Oberrealschule, eine tschechische Lehrerbildungsanstalt und ein „militärisches Obererziehungshaus“. Nach dem Untergang der Donaumonarchie zählte das tschechoslowakische Kutna Hora 1930 13.892 Einwohner, von denen nur noch 63 Deutsch als Muttersprache angaben. Als 1993 die Teilung des Staates in die Tschechische und die Slowakische Republik erfolgte, hatte Kutna Hora etwa 21.000 Einwohner.

Seit 1910, der letzten Volkszählung in Österreich-Ungarn, wechselten die Bewohner Kuttenbergs fünfmal die Staatsbürgerschaft. Sowohl Deutsche als auch Tschechen haben schwerwiegende Fehler begangen - sie führten 1945 zum gewaltsamen Ende eines fast tausendjährigen Zusammenlebens. Die „Samtene Revolution“ 1989 brachte Böhmen und Mähren politisch wieder in den Mittelpunkt Europas, in das Herz des Kontinents. Die Tschechische Republik ist schon jetzt Mitglied der NATO und wird in wenigen Jahren in die EU aufgenommen werden.

Dr. Johannes Valent